Dissoziative Fugue
15. November 2010 | Keine Kommentare | Krankheit
Die Psyche hat einen grossen Einfluss auf die Gesundheit unseres Körpers. So kann ein seelisches Problem, welches nicht wahrgenommen wird (ob bewusst oder unbewusst) sich in einem psychosomatischen Leiden äussern. Depressive Menschen zeigen oft auch eine Angststörung, welche bei erfolgreicher Therapie des Primärleidens (die Depression) ohne weitere Behandlung verschwindet.
Das Burn Out, eine Volkskrankheit der entwickelten Länder, ist nicht zuletzt ein Synonym für die chronische Überforderung des Menschen und seiner Seele.
Seelische Zusammenbrüche können in verschiedenster Form ablaufen, es gibt kein sicheres Schema dafür wie ein Mensch reagiert. Eine seltene Reaktion auf besonders traumatische Ereignisse ist die dissoziative Fugue. Dabei verliert ein Mensch seine komplette Identität, entweder kurzfristig (was die Norm ist) oder über eine längere Zeitspanne.
Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass diese Menschen zwar ihre Identität verlieren, nicht jedoch die Fähigkeit sich wie eine normale Person zu verhalten. Sie wissen wie man sich bspw. die Schuhe bindet oder Fahrrad fährt. Wörter können entfallen, nicht jedoch die dazu passende Handlung.
Ein Beispiel das durch die Medien ging ist der Fall Jonathan Overfeld. Dieser Mann fand sich eines Tages auf einer Bank in Hamburg wieder ohne jeglichen Anhaltspunkt auf seine Identität zu haben. Als er schliesslich im Krankenhaus war, konnte ausgeschlossen werden, dass der Betroffene Drogen zu sich genommen hatte. Ein Mediziner erklärte ihm schliesslich, dass er an einer dissoziativen Fugue leide. Das machte Jonathan fürchterliche Angst, denn was war so schlimm gewesen, dass seine Psyche ihn davor zu bewahren versuchte?
Die Polizei konnte zumindest ausschliessen, dass er in ein Verbrechen verwickelt war, als sie seine Fingerabdrücke überprüften. Ein Spezialist wurde hinzugezogen, der Jonathan genau untersuchte. Schliesslich wird eine Vermisstenanzeige aufgegeben, die auf ihn zutraf. Seine Freundin Jutta hatte sie aufgegeben. Doch noch immer will die Erinnerung nicht zurückkehren.
Erst als der Mann sich eines Tages an das Klavier in der psychiatrischen Abteilung setzt und intuitiv das Ave Maria zu spielen beginnt, geschieht es. Als die Zuhörer applaudieren, schiessen ihm Bilder seiner Vergangenheit durch den Kopf und so langsam beginnt er zu begreifen warum seine Psyche ihn schützen wollte.
Seine ersten Erinnerungsfetzen sind von ihm als kleinen Jungen der auf einem Flügel spielt und danach von Erwachsenen mitgenommen wird. Ihm wird Gewalt angedroht, wenn er sich nicht gefügig zeige.
Als Jonathan nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie das erste Mal nach Hause geht, den Schlüssel hat ihm seine Freundin zukommen lassen, erinnert ihn nichts an ihn selbst. Einzig das Päckchen Tabak kann er als seine Marke erkennen.
Es vergehen Wochen und Monate in denen ihm nichts bekannt vorkommt. Er wechselt seinen Wohnort und wird von einem Therapeuten intensiv begleitet. Schliesslich tauchen neue Bilder auf. Marienfiguren, Jesus der am Kreuz hängt und eine grosse Orgel. Ein Kirchenschiff, aber nie Eltern. Jonathan wundert sich, er muss doch eine Mutter haben.
Erst später beginnt er sich an seine Pflegemutter und den Bauernhof nebenan zu erinnern. Er erinnert sich an die Schläge von ihr und das der Bauer oft mit dem Riemen kam. Auch an seine Lieblingsgans kann er sich erinnern und das er sah wie sie gerupft wurde, als er einmal von der Schule kam. Der Schäferhund der ihn immer von den Attacken anderer Kinder verteidigte und auch schon mal die Pflegemutter anknurrte kommt ihm in den Sinn.
Als er die Pflegemutter aufsucht, erfährt Jonathan dass sie bereits ein schwer traumatisiertes Kind bekam. Die leibliche Mutter hatte ihn nie angenommen, er landete im Säuglingsheim und bei Pflegefamilien die ihn auf dem Feld arbeiten liessen. Im Kinderheim wurde der Bub von Nonnen ausgepeitscht und schwer misshandelt. Doch auch in seinem neuen zu Hause kam es zu schweren Misshandlungen. An die kann sich Jonathan nicht mehr erinnern, wohl aber sein Pflegebruder Klaus.
Vier Jahre lebte Jonathan, mit zwei weiteren Kindern bei seiner Pflegemutter. Dann kam ein Mann und dessen Schweigermutter ins Haus und die Kleinen mussten gehen. Der Junge kam wieder ins Heim. Lange erinnerte er sich an diese Zeit nicht, bis er eines Tages einen anderen Mann traf der ebenfalls in der Erziehungsanstalt gelebt hatte.
Mit dem Stichwort Lupo kommen die schlimmsten Erinnerungen hoch. Traumatische Erlebnisse von sexuellem Missbrauch, fürchterlichen Schmerzen und dem vermutlichen Selbstmord seines besten Freundes.
Die dreissig Jahre bis zu seinem jetzigen Leben bleiben völlig im Dunkeln für Jonathan. Ein Arzt hat ihm geraten, noch mal neu zu beginnen, doch das kann er nicht. Irgendetwas treibt ihn an, er will sein früheres selbst kennen lernen bevor er von Vorne beginnen kann.


